

Quelle: Havadis
Foto: Freepik
Autor: Deniz Baturer
Datum: 03/04/2025
Kategorie: Welt
“America First” Zölle: Gewinner, Verlierer und globale Verschiebungen
Unter dem Schlagwort “America First” leitete die Präsidentschaft Donald Trumps eine signifikante Wende in der amerikanischen Handelspolitik ein. Mit dem erklärten Ziel, Handelsdefizite abzubauen, heimische Industrien zu schützen und Produktionsstätten zurück in die USA zu holen, wurden Zölle auf Waren im Wert von Hunderten von Milliarden Dollar verhängt. Diese aggressive Handelspolitik erschütterte etablierte Lieferketten, belastete Beziehungen zu traditionellen Verbündeten und provozierte globale Vergeltungsmaßnahmen. Doch jenseits der offiziellen Begründungen und der oft lautstarken Rhetorik lohnt ein genauerer Blick auf die komplexen und teils widersprüchlichen Auswirkungen – und auf die Frage, welche Akteure von dieser disruptiven Politik tatsächlich am meisten profitierten.
Das Tarif-Arsenal und seine Ziele
Das Kernstück der neuen Politik bildeten insbesondere die Zölle nach Section 301 gegen China, die eine breite Palette von Waren trafen, sowie die Zölle nach Section 232 auf Stahl und Aluminium, die unter Berufung auf die nationale Sicherheit auch enge Verbündete wie die Europäische Union, Kanada und Mexiko betrafen. Offiziell sollten diese Maßnahmen unfaire Handelspraktiken bekämpfen, die amerikanische Industrie stärken und die nationale Sicherheit gewährleisten. Diese deklarierten Absichten bildeten die Rechtfertigung für einen Handelskrieg, dessen tatsächliche Gewinner und Verlierer sich jedoch erst bei genauerer Betrachtung offenbarten.
Gewinner im eigenen Haus? Die geschützte Industrie
Zweifellos gab es Sektoren innerhalb der USA, die direkt von den Zöllen profitierten. An vorderster Front standen die heimischen Stahl- und Aluminiumproduzenten. Unternehmen wie US Steel, Nucor oder Alcoa sahen sich durch die Importzölle vor ausländischer Konkurrenz geschützt, was vorübergehend zu höheren Preisen, gesteigerter Produktion und verbesserten Bilanzen führte. Diese Entwicklung wurde als Erfolg für die “America First”-Agenda gefeiert und stärkte die politische Unterstützung für Trump in den traditionellen Industrieregionen des “Rust Belt”. Die Zölle dienten somit nicht nur einem wirtschaftlichen, sondern auch einem klaren politischen Zweck, indem sie einer spezifischen Wählergruppe das Gefühl gaben, dass ihre Interessen vertreten wurden. Ob diese kurzfristigen Gewinne jedoch eine nachhaltige Revitalisierung der Branche oder breitere wirtschaftliche Vorteile bewirkten, bleibt Gegenstand von Debatten.
Die Kosten des Schutzes: Leidtragende in den USA
Dem begrenzten Kreis der Profiteure stand jedoch eine weitaus größere Gruppe von Akteuren gegenüber, die die Kosten dieser Politik trugen. Amerikanische Konsumenten sahen sich mit höheren Preisen für eine Vielzahl von Produkten konfrontiert – von Waschmaschinen und Autos bis hin zu Elektronik und Baumaterialien. Die Zölle wirkten wie eine Steuer, die die Lebenshaltungskosten erhöhte. Gleichzeitig litten zahlreiche US-Unternehmen, die auf importierte Vorprodukte angewiesen waren. Hersteller in der Automobilindustrie, im Baugewerbe oder in der Technologiebranche sahen ihre Produktionskosten steigen, was ihre Wettbewerbsfähigkeit sowohl im Inland als auch auf den Weltmärkten schmälerte.
Besonders hart getroffen wurden amerikanische Exporteure. Als Reaktion auf die US-Zölle verhängten China, die EU, Kanada und andere Länder Vergeltungszölle auf amerikanische Waren. Landwirte, die Sojabohnen, Schweinefleisch oder Mais exportierten, verloren über Nacht wichtige Absatzmärkte. Hersteller von ikonischen Produkten wie Harley-Davidson Motorrädern oder Bourbon Whiskey sahen sich gezwungen, Produktionsverlagerungen in Betracht zu ziehen, um die Strafzölle zu umgehen. Die Zölle, die angeblich amerikanische Interessen schützen sollten, fügten somit anderen wichtigen Sektoren der US-Wirtschaft erheblichen Schaden zu.
Globale Verschiebungen: Profiteure jenseits der Grenzen?
Die Auswirkungen von Trumps Zollpolitik beschränkten sich nicht auf die USA. Global führten die Zölle zu einer Neuordnung von Handelsströmen. Während chinesische Exporteure litten, ergaben sich für andere Länder neue Möglichkeiten. Nationen wie Vietnam, aber teilweise auch Mexiko (trotz anfänglicher eigener Betroffenheit durch Stahlzölle), konnten ihre Exporte in die USA steigern, da amerikanische Unternehmen nach alternativen Lieferquellen suchten, um die Zölle auf chinesische Waren zu umgehen. Diese Handelsumlenkung schuf Gewinner außerhalb der direkt am Konflikt beteiligten Parteien.
Gleichzeitig belastete die aggressive Zollpolitik die Beziehungen zu wichtigen Verbündeten und schwächte internationale Institutionen wie die Welthandelsorganisation (WTO), deren Streitschlichtungsmechanismen die USA teilweise blockierten. Diese Schwächung des multilateralen Handelssystems mag kurzfristig einem unilateralistischen Ansatz Washingtons gedient haben, hinterließ aber langfristig ein fragileres globales Handelssystem. Die direkten Zielstaaten der Zölle wie China oder die EU erlitten zwar wirtschaftliche Nachteile, passten sich aber auch an, indem sie neue Märkte erschlossen oder Gegenmaßnahmen ergriffen.
Fazit
Die Bilanz von Trumps Zollpolitik fällt komplex aus. Während bestimmte heimische Industrien wie Stahl und Aluminium kurzfristige Vorteile verzeichneten und die Politik klare politische Dividenden für die Trump-Administration abwarf, standen dem erhebliche Kosten gegenüber. Amerikanische Konsumenten zahlten höhere Preise, zahlreiche andere US-Industrien und insbesondere die Landwirtschaft litten unter den Vergeltungszöllen, und die internationalen Beziehungen wurden stark belastet. Die erklärten Ziele – wie eine signifikante Reduzierung des Handelsdefizits oder eine breite Wiederbelebung der US-Industrie – wurden nach den meisten Analysen nicht erreicht.
Die Episode der “America First”-Zölle unterstreicht eindrücklich, wie Handelspolitik ein Instrument zur Verfolgung spezifischer politischer und wirtschaftlicher Interessen sein kann. Sie zeigt aber auch, dass die tatsächliche Verteilung von Gewinnen und Verlusten oft weit über die erklärten Absichten hinausgeht und eine kritische Analyse erfordert, die die Auswirkungen auf alle beteiligten Akteure – im Inland wie im Ausland – berücksichtigt. Die Frage, wer letztlich am meisten von dieser Politik profitierte, lässt sich nicht einfach beantworten, doch die Leidtragenden waren zahlreich und die langfristigen Folgen für das globale Handelssystem spürbar.