

Quelle: Havadis
Foto: Freepik
Autor: Deniz Baturer
Datum: 25/03/2025
Kategorie: Welt
Das Floß der Medusa: Sinkende Schiffe, Flüchtende Kapitäne und die Zurückgelassenen
Die Geschichte wiederholt sich manchmal – oder sie wechselt einfach nur das Kostüm. Im Sommer 1816 lief das französische Schiff Méduse aufgrund von Inkompetenz und Fehlentscheidungen auf Grund. Der Kapitän und die privilegierten Passagiere bestiegen sofort die Rettungsboote. Zurück blieben 147 Menschen, die auf ein hastig zusammengezimmertes Floß aus Holzplanken verfrachtet wurden – mitten auf dem offenen Meer. Ohne ausreichend Nahrung und Wasser begann nach kurzer Zeit der Kampf ums Überleben: Wer nicht stark genug war, wurde über Bord geworfen. Andere griffen auf Kannibalismus zurück.
Nach 13 Tagen auf dem Ozean wurde das Floß entdeckt. Von den ursprünglich 147 Menschen lebten nur noch 15.
Der französische Maler Théodore Géricault verewigte dieses Grauen in seinem berühmten Gemälde “Das Floß der Medusa”. Chaos, Verzweiflung, Menschen, die sich aneinanderklammern, während andere ihre letzte Kraft verlieren. Kommt uns das nicht bekannt vor?
Denn auch heute, in unserer modernen Welt, geraten große Schiffe ins Wanken, Kapitäne fliehen – und die, die zurückbleiben, kämpfen um ein paar Brotkrumen. Jede politische Krise, jeder Wirtschaftsskandal, jeder gesellschaftliche Zusammenbruch erschafft ein neues Floß der Medusa.
Wenn das Schiff sinkt – wer landet auf dem Floß?
Wenn Krisen ausbrechen, wer ist es, der zuerst untergeht? Es sind nie die Mächtigen, nie die Reichen, nie die Entscheidungsträger. Es sind immer die kleinen Leute: die Arbeiter, die Rentner, die Studenten, die Selbstständigen.
Und während sie auf das wackelige Floß verfrachtet werden, rudern die Kapitäne bereits in sicheren Rettungsbooten davon. Für sie gibt es immer einen Ausweg.
Doch für diejenigen auf dem Floß beginnt das Überlebensspiel. Und anstatt sich gegen diejenigen zu wenden, die sie im Stich gelassen haben, fangen sie an, sich gegenseitig zu bekämpfen. Die Schuld wird den Schwächsten gegeben: den Arbeitslosen, den Migranten, der jungen Generation, die “verwöhnt” sein soll. Dabei liegt die wahre Schuld woanders: bei denen, die das Schiff auf die Felsen gesteuert haben.
Der Überlebenskampf auf dem Floß
Auf Géricaults Gemälde sind die Menschen verzweifelt, sie ringen um ihr Leben. Genau wie heute kämpfen viele um das tägliche Überleben: steigende Preise, unsichere Jobs, eine Gesundheitsversorgung, die nur für die Wohlhabenden funktioniert.
Und inmitten dieses Chaos heißt es:
“Es liegt an den Flüchtlingen!”
“Die jungen Leute sind einfach faul!”
“Die Gewerkschaften sind schuld!”
So wird die Gesellschaft gespalten. Und während wir uns gegenseitig zerfleischen, schauen die wahren Verantwortlichen nur zu – von ihren komfortablen Booten aus.
Das Schiff am Horizont – Rettung oder Täuschung?
Auf dem Gemälde sehen wir Menschen, die mit letzter Hoffnung einem Schiff am Horizont zuwinken. Sie glauben, dass die Rettung naht. Aber in der Geschichte der Méduse war es keineswegs sicher, dass dieses Schiff anhalten würde.
Und genauso ist es heute:
Eine neue Partei kommt – aber das System bleibt dasselbe.
Ein neuer Politiker verspricht Veränderungen – aber die Reichen werden noch reicher.
Ein neues Gesetz wird beschlossen – aber für die einfachen Menschen ändert sich nichts.
Man sagt uns immer: “Habt Geduld, die Rettung kommt bald!” Aber das vermeintliche Rettungsschiff fährt oft einfach weiter.
Rettungsboote für die einen, das Floß für die anderen
Die goldene Regel der Politik: Diejenigen, die das Chaos verursachen, gehen niemals unter. Sie wechseln nur das Boot.
Egal, wohin man schaut:
Eine Wirtschaftskrise? Die Superreichen verdoppeln ihre Gewinne.
Ein Krieg? Die Rüstungsindustrie boomt.
Die Klimakatastrophe eskaliert? Unternehmen sichern sich Milliarden mit „grünen“ Fonds.
Die Rettungsboote sind immer reserviert – für diejenigen, die ohnehin schon in Sicherheit sind.
Für uns auf dem Floß bleibt nur die Hoffnung – oder die Erkenntnis, dass wir uns selbst retten müssen.
Das Floß verlassen oder ein neues Schiff bauen?
Auf Géricaults Gemälde gibt es eine zentrale Figur: Ein Mann, der sich mit letzter Kraft aufrichtet und seine Arme in die Luft streckt, in der Hoffnung, dass jemand ihn rettet. Aber genauso wichtig sind die Menschen am unteren Rand des Bildes: Die Toten.
Sie haben aufgegeben. Sie haben keine Kraft mehr, zu kämpfen. Und genau das ist die größte Gefahr: Nicht die Krise selbst, sondern die Resignation.
Heute stehen wir vor derselben Wahl: Bleiben wir auf dem Floß und warten – oder beginnen wir, unser eigenes Schiff zu bauen?
Man erzählt uns ständig: “Wir sitzen alle im selben Boot.”
Doch das stimmt nicht. Das große Schiff ist längst verschwunden. Zurück bleibt nur das Floß. Und wenn wir, die Zurückgelassenen, nicht endlich lernen, zusammenzuarbeiten, dann wird die Geschichte sich wiederholen. Wieder und wieder.